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Hippotherapie bei Andrea Bethke
"Das Pferd leiht mir die Beine"
Was ist Hippotherapie?
Hippotherapie ist Physiotherapie auf neurophysiologischer Grundlage mit und auf dem Pferd, die in erster Linie bei "bewegungsgestörten Kindern und Erwachsenen" erfolgreich zur Anwendung kommt.
In dieser Therapie wird der Mensch durch ganzheitliche Förderung, körperlich, emotional, geistig und sozial angesprochen.
Es handelt sich hierbei um eine ausschließlich ärztlich verordnete physiotherapeutische Behandlung, die nach dem selben Prinzipien geschieht, wie sie die neurophysiologische Behandlung nach dem Bobath - Konzept aufweist.
Das speziell dafür ausgebildete Therapiepferd und dessen dreidimensionale Rückenbewegung (90-120 Schwingungsimpulse/Minute) wird unter medizinischen Gesichtspunkten eingesetzt.
Der direkt auf dem warmen, bewegten Pferderücken sitzende Mensch muss ständig
aktiv auf diese Bewegungen reagieren.
Die Therapeutin achtet dabei besonders auf die Stellung und Mobilität des Beckens, des Rumpfes und der Extremitäten.
Durch diese rhythmischen, sich ständig wiederholenden Bewegungen, die jedoch immer kleine Veränderungen mit sich bringen, wird der Muskeltonus (=Spannungszustand der Muskulatur) günstig beeinflusst und es können physiologische Bewegungsabläufe gelernt und geübt werden. Gelenke werden durchbewegt und zentriert, verkürzte Weichteile gedehnt und der Entstehung von Kontrakturen wird vorgebeugt. Durch die Verminderung der Spastik kann außerdem auch Schmerzsymptomatik gelindert und Muskelfunktionen wieder trainiert werden.
Bei Ataxie lassen sich unkoordinierte Bewegungen verbessern und Dyskinesien - Athetose, Tremor, Rigor – werden hierbei ebenfalls positiv beeinflusst.
Keine andere physiotherapeutische Behandlung bietet die Möglichkeit, sich in aufrechter Haltung mit fremden Beinen durch den Raum bewegen zu können!
Ein Gefühl für den Bewegungsplan "Gehen" wird vermittelt. Gleichgewicht, Koordination, Grob - und Feinmotorik, Atmung und natürlich auch die gesamte Sensorik werden in der Hippotherapie angesprochen.
Da das Pferd nicht nur Übungsgerät sondern ein lebendes Wesen ist, das zum Partner und Freund wird und das Reaktionen hervorruft, die den Mut und das Selbstwertgefühl heben, hat die Hippotherapie auch einen psychologischen, pädagogischen und psychotherapeutischen Effekt.
Wer darf Hippotherapie durchführen?
Ausschließlich diplomierte Physiotherapeuten mit abgeschlossener Zusatzausbildung in der Hippotherapie dürfen diese Behandlung unter Einsatz eines Therapiepferdes durchführen.
Diese Behandlung muss ärztlich verordnet, für den Patienten individuell angepasst und dem Therapieplan entsprechend aufgebaut sein.
Die Leitung der Hippotherapie obliegt dem / der Therapeut / in.
Das Pferd wird von einem (r) Pferdeführer / in therapeutisch (seitlich) oder am Langzügel (von hinten) geführt.
Das Pferd ist entsprechend seinem Einsatz ausgerüstet (meist mit Therapiegurt).
Der (die) Pferdeführer / in muss pferdekundig und verantwortungsbewusst sein (Mindestalter 16 Jahre).
Mögliche Wirkungsweisen in der Hippotherapie:
- Tonusnormalisierung (Reduzierung der Spastizität)
- Verbesserung der Rumpfaufrichtung
- Förderung der dynamischen Stabilisation der Wirbelsäule
- Verbesserung der Koordination, einüben symmetrischer Bewegung.
- Stimulation der automatischen Gleichgewichtsreaktionen Gelenksmobilisation
(zentrieren von Gelenken , Verbesserung der Beweglichkeit)
- Aufdehnen verkürzter Muskulatur, Faszien und Bänder
- Regulierung und Ökonomisierung der Atmung
- Verbesserung der Mundmotorik und der Lautgebung des Sprechens
- Verbesserung der Sensorik
- Verbesserung und Erweiterung der Wahrnehmung
- Förderung der Konzentration
- Förderung der Kommunikation
- Stärkung des Selbstwertgefühls
- Persönlichkeitsentwicklung
- Tiefensensibilität
- Erwecken von Lebensfreude.....
Das Pferd ist Motivation und macht Freude!
Indikationen / Kontraindikationen
Indikationen:
Für welche Patienten kommt Hippotherapie in Frage?
Die Hippotherapie wird angewendet:
bei Kindern ab ca. 4 Jahren (abhängig v. Körpergröße u. Entwicklungsstand)
und bei
erwachsenen Menschen mit:
Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems
- z.B. -Multipler Sklerose (Encephalitis disseminata)
- neurologische Bewegungsstörungen nach frühkindlicher Hirnschädigung (CP),
- zentrale Hypotonie,
- Zustand nach Schlaganfall,
- Gleichgewichts-und Koordinationsstörungen (Ataxie)
- Paraplegie
- Myelomeningocele,
- Spina bifida,
- Rückenmarkserkrankungen (z.B. Spastische Spinalparalyse),
- minimale cerebrale Dysfunktion,
- Morbus Parkinson
- Z.n. Schädelhirntrauma
- Poliomyelitis
- Hypoxien
- inkomplette Querschnittsymptomatik
- Meningitis, Encephalitis
- Athetose, Tremor
- Torticollis spasmodicus
- bei entwicklungsbedingten, postraumatischen, postentzündlichen,
degenerativen Nervenerkrankungnen.
Erkrankungen des Stütz und Bewegungsapparates
- z.B. muskuläre Dysbalancen,
- Hüftgelenkdysplasie,
- Haltungsschwäche,
- Wirbelsäulenprobleme,
- Zustand nach Amputationen
- ...
Fehlhaltungen der Wirbelsäule und des Beckens lassen sich mit Hippotherapie bessern,
Beckenmobilität, physiologische Hüftbewegungen und Gangschulung werden induziert.
Das rhythmische Durchbewegen der Gelenke wirkt Versteifungen und Verformungen entgegen. Koordinative Fähigkeiten werden gelernt, physiologische Bewegung trainiert.
Muskel und Stoffwechselerkrankungen
- z.B. Muskeldystrophie
Syndrome
- z.B. Down-Syndrom, Rett-Syndrom....
Chromosomenanomalien
Gynäkologische Probleme
- z.B. Beckenbodenschwäche....uvm.
Kontraindikationen:
Hippotherapie soll nicht durchgeführt werden bei Patienten mit:
- virulenten Erkrankungen (z.B. MS im Schub)
- akuten internistischen Erkrankungen
- akuten Bandscheibenproblemen
- fixierter Skoliose
- Osteoporose
- Dekubitus
- Allergien (Pferdehaar, Staub, Heu...)
- ventrale Hüftluxationen
- Schmerzen
- ...
Relative Kontraindikationen:
Begleiterkrankungen und Komplikationen, die bei Patienten in der Hippotherapie beachtet werden müssen und zur Kontraindikation führen können:
- wenn der Patient medikamentös nicht eingestellt ist oder wenn der Patient im Falle
eines Anfalls nicht mehr gesichert werden kann.
- Hüftluxationen:
bei Schmerzen und bei ventraler Luxation.
- urologische Komplikationen:
Inkontinenz, Afterprolaps und Kathederversorgung.
- schwere Vigilanzstörung, Hysterie oder unüberwindbare Angst.
- Medikamente, Blutungsneigung.
- Hochdruck, Herzerkrankungen, die durch Nervosität stärker werden.
- Kontrakturen, Dekubitus.
- Gleichgewichtsstörungen (Pusher), Neglekt, Apraxie
- Alter, Größe, Gewicht
- Soziale Überforderung (Weg, Entfernung, Transportmöglichkeit, Schulsituation,
Therapieüberforderung....)
Ich sah ein Kind, das konnt' nicht gehn'
auf einem Pferd lachend um sich sehen,
dann ritt es durch Felder im Sonnenlicht;
doch ohne Hilfe gehen konnt's nicht.
Ich sah ein Kind ohne Beine dran
auf einem Pferd, das ließ es dann
durch Wälder und über Wiesen gehen,
die hätt' es im Rollstuhl nie gesehen.
Ich sah ein Kind, ins Leid gestellt,
das fest des Lebens Zügel hält
und dieses Kind war froh zu sehen:
das ist der Weg, den will ich gehen.
(T. Feichtinger-Zrost, frei übersetzt nach John Anthony Davies)